Musik von Rainer Elsner / mica

Historisches


Von Anbeginn waren Musik und Kunst identitätsstiftend für Österreich: Schon als das Land noch ein kleines Herzogtum war, wurde der Musik große Bedeutung zugemessen. So wurde etwa dem Minnesänger Neidhart von Reuental (1180-1240) als erstem österreichischen Musiker-Dichter an der Südseite des Wiener Stephansdoms ein Ehrengrab errichtet.

Auch die Habsburger waren musikbegeistert, eine Reihe von Kaisern spielte, komponierte und dirigierte selbst. Und man gab Geld für Musik aus: Die Wiener Hofmusikkapelle http://www.hofmusikkapelle.gv.at wurde 1498 gegründet und besteht bis heute. Der Kaiserhof hatte damit Vorbildfunktion. So finanzierten etwa die Fürsten Esterházy eine eigene Hofkapelle, ließen ein Opernhaus bauen und gaben Joseph Haydn die Möglichkeit, sich zu einem der innovativsten Komponisten Europas zu entwickeln. Auch im Eingangsbereich des Wiener Musikvereins erinnert eine Tafel eindrucksvoll an die Förderung durch die Kaiserfamilie.

Die Klassik kann als erste genuin österreichische musikalische Strömung bezeichnet werden. Damit verbunden sind auch gesellschaftliche Umwälzungen. Das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart konnte dem Geburtsort Salzburg auch deshalb den Rücken kehren, weil er ein neues Lebenskonzept erfand: das des freischaffenden Künstlers. Ein Konzept, das zu einer Zeit neu war, in der der Musik’markt‘ weitgehend vom Mäzenatentum geprägt war. Es gab nur wenige für jedermann zugängliche Konzerte, das Urheberrecht war erst rudimentär entwickelt, Verlage begannen sich erst zu profilieren. Auch der aus Bonn stammende Ludwig van Beethoven wurde in Wien von vier adeligen Gönnern mit einem jährlichen Gehalt unterstützt.
Mit Beethoven tritt jedoch ein neuartiger Gestus in den Mittelpunkt. Dessen Werke sind die musikalisch freie Botschaft des Komponisten und beugten sich musikalisch keiner Zensur.

Franz Schubert steht für das Biedermeier und den Rückzug ins Private, auch ausgelöst durch den strengen Überwachungsstaat des Staatskanzlers Metternich mit seinem Zensur- und Spitzelwesen, der Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit. Schubert hat mit seinen erschütternden Liederzyklen so etwas wie frühe Konzeptalben gestaltet. Todessehnsucht verbunden mit einem bis ins Schmerzhafte gehenden Ausdruckswillen – das sind durchaus Eigenschaften, die österreichische Musik weiter prägten und prägen, ob in den Symphonien von Gustav Mahler, in den morbiden "Dunkelgrauen Liedern" des Sängers und Schauspielers Ludwig Hirsch oder in den düsteren Songs von Soap&Skin. Mit tagesaktuellen Couplets in Theaterstücken konnte man oftmals die Zensur umgehen - in vielen Fällen wurden sie zu Gassenhauern und können als Vorläufer der Dialektwelle des Pop der 1970er Jahre angesehen werden.
Zu Schuberts Zeiten wurde damit begonnen, Volkslieder systematisch zu sammeln. Die formalen Eigenarten hielten sich über die Jahrhunderte – im oberösterreichischen Raum etwa die meist spöttischen "Gstanzln", in der Hauptstadt das larmoyante, todessehnsüchtige Wienerlied. Durch Ensembles wie das Quartett der Gebrüder Schrammel erlebte diese Kunstform Ende des 19. Jahrhunderts einen Höhenflug.
In jüngster Zeit wurden diese traditionsreichen Genres von Bands wie Attwenger und 5/8erl in Ehr'n weiterentwickelt und mit Punk und HipHop aufgefrischt.

Im 19. Jahrhundert eroberte sich das Bürgertum das Feld der Musik, Musikvereine und Konservatorien entstanden. Virtuosen und Walzer-Könige wurden zu den ersten internationalen „Pop“Stars der Musikbranche: Bei Auftritten des im Burgenland geborenen Franz Liszt gab es Ohnmachtsanfälle, Johann Strauß reiste mit seinem Orchester bis nach Russland und Amerika. Die Lust am Feiern pompöser Feste übernahm man von der Aristokratie – noch heute gilt der Wiener Opernball in Society-Kreisen als das gesellschaftliche Ereignis des Jahres und wird live im Fernsehen übertragen.

Das musikalische Können der Bildungsbürgerschicht war beachtlich, man setzte sich ans Klavier, um Opern und Symphonien im Klavierauszug durchzuspielen. Fertigkeiten, die noch heute vielen Musikerinnen und Musikern der österreichischen Szene dienlich sind.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert formierte sich im kulturell prosperierenden Wien eine Gruppe, die einen Keil zwischen konservative und aufgeschlossene Hörer trieb: Die Zweite Wiener Schule um Arnold Schönberg. In sein erstes atonales Werk baute Schönberg die Melodie von "Oh, du lieber Augustin!" ein, das als erstes Wienerlied gilt. Er suchte ein neues Ordnungssystem und erfand es in der um 1920 entwickelten Zwölftontechnik.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Zeit des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn vorbei. 1920, eineinhalb Jahre nach Kriegsende, wurden die Salzburger Festspiele gegründet – auch mit dem Fokus der Förderung einer neuen österreichischen Identität mit starker Rückbesinnung auf die Tradition und der Hoffnung auf ein gemeinsames Europa. Touristische Erwägungen spielten ebenfalls eine Rolle bei diesen "Olympischen Spielen der Kunst" (Stefan Zweig).

In der Zwischenkriegszeit florierten Revuetheater und Kabaretts (1923 gab es in Wien 25 Theater und 18 Varietés). Die Operette verlor bei steigender Popularität ihre ursprünglich gesellschaftskritische Kraft – schließlich konnte sie in die Unterhaltungs-, Ablenkungs- und Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten eingegliedert werden Die oftmals jüdischen Librettisten wurden auf Programmzetteln einfach unterschlagen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Österreich als Staat abermals neu definieren. Die intellektuelle Avantgarde war vertrieben oder ermordet; in den Schulen unterrichteten Lehrer, die Erziehungsprinzipien der Nazizeit weiterführten; Vertriebene wurden nicht aktiv eingeladen, zurückzukehren, dafür übernahmen nach einer Phase der Entnazifizierung historisch belastete Künstler wichtige Posten.

Wien war grau in grau, die meisten Lokale schlossen früh. Einige Künstlergruppen begannen gegen diese Nachkriegs-Enge aufzubegehren. Um den Dialektdichter HC Artmann formierte sich die revolutionäre Wiener Gruppe. Die Wiener Aktionisten sorgten für eine radikale Durchlüftung der Kunstszene.

Im Klassikbereich herrschte unter einer konservativen Oberfläche Aufbruchsstimmung: Nikolaus Harnoncourt machte in Wien mit seinem Concentus Musicus ab 1953 Alte Musik wieder spannend und initiierte eine Welle der Historischen Aufführungspraxis. Das Ensemble die reihe war 1958 eines der weltweit ersten Ensembles für zeitgenössische Musik. Man brachte allerneueste Klänge nach Wien, das Publikum quittierte das zunächst bei einem Konzert mit akkordiertem Trillerpfeifen-Einsatz. Das kehrte sich bald um: Festivals wie Wien Modern zogen ein Avantgarde-freundliches Publikum an. Heute geht eine neue Generation von zeitgenössischen Komponisten genauso zu House-Nächten in den Club Flex wie ins Konzerthaus.

In der sogenannten Unterhaltungsmusik fand nach dem Krieg zunächst keine Revolution statt, die großen Plattenfirmen setzten nicht auf Eigenständiges, sondern auf Schlager und abgemilderte Versionen des Rock'n'Roll und der Beat-Musik (etwa in den Filmen von Peter Alexander). Ausnahmen waren die Bambis mit ihrem internationalen Hit "Melancholie". Aktuelles kam über die Jukeboxen dunkler Vorstadtlokale und einen Kabarettisten unters Volk: Helmut Qualtinger sang über den "G'schupften Ferdl" und machte sich damit über die rüpelhaften Manieren unterer sozialer Schichten beim Tanz lustig – ein Topos, der schon von den Minnesängern des Mittelalters aufgegriffen worden war. In den ersten Jahren der Beatlemania fand Pop eher als Kuriosum Eingang in die österreichischen Massenmedien.

Durch den Einfluss der Literaten der Wiener Gruppe entstand eine Welle an Dialekt-Pop. Die Initialzündungen: Die Worried Men Skiffle Group vertonte ein Gedicht des Wiener Gruppe-Autors Konrad Bayer, Marianne Mendt sang "Wia a Glock'n", getextet vom Kabarettisten Gerhard Bronner und komponiert vom Jazzer Hans Salomon (mit Joe Zawinul Mitbegründer der Austrian All Stars). Und schließlich stürmte der 19-jährige Wolfgang Ambros mit seinem morbiden Lied über eine Leiche im Gemeindebau die Charts – eine satirische Abrechnung mit der Mär vom "Goldenen Wienerherz". Der Startschuss war erfolgt, der sogenannte Austropop florierte.

Die Sprachspiele der Wiener Gruppe inspirierten auch Hansi Hölzl alias Falco - den wohl einzigen wirklichen Pop-Star, den Österreich je hervorgebracht hat - zu seinem multilingualen Sprechgesang. Sein "Rock me Amadeus" von 1985 war das bislang einzige deutschsprachige Lied an der Spitze der US-Billboard-Charts und der UK Top 40.

Seinen qualitativen Höhepunkt erlebte der Austropop Anfang der 1980er Jahre, verflachte aber zusehends. Bewusst dagegen gesetzt entwickelte sich eine Alternativkultur, die vom Punk und New Wave gespeist war. Einige Protagonisten der Elektronik-Szene der 1990er Jahre hatten ihre musikalischen Wurzeln in dieser New-Wave-Szene. Mit Austropop-Aufgüssen war außerhalb Österreichs nichts zu holen, aber mit Techno-Produktionen konnten heimische Künstlern international reüssieren. Kruder & Dorfmeister machten mildere Sounds für kurze Zeit zum Alleinstellungsmerkmal einer vielfältigen Wiener Szene: Das Genre "Downbeat" eroberte von Wien aus die Welt, mit der 1993 erschienenen EP "G-Stoned" als Eisbrecher.

Das Genre wurde schnell auf den Café-Compilations dieser Welt kommerzialisiert, die Techno-Szene wurde härter und Laptop-Musiker eroberten sich ein experimentelles Feld. Dafür gab es ein Publikum, das geneigt war, auch in Noise-Regionen zu folgen – für schwierige Avantgarde-Musik gab es ja in Wien eine gewisse Tradition. Der einstige Gitarrenrocker Christian Fennesz war mit Musik, die unter Clicks & Cuts subsumiert wurde, auf internationalen Festivals.

Mit dem (im Grunde heterogenen) Wiener Sound wurde Österreich erstmals zum Pop-Exporteur. Die damaligen Label-Strukturen haben sich zum Teil erhalten, neue sind hinzugekommen, von steirischen Kassetten-Labels bis zu international vernetzten Beat-Schmieden. Das alles scheint den jüngsten Boom an spannenden Musik-Projekten nachhaltig zu machen. Die Voraussetzungen dazu sind in Österreich – abseits der unbeweglichen Großlabels – so gut wie schon lange nicht.

Autor: Rainer Elsner