Selbstorganisation


Das organisierte Auftreten von Künstlerinnen und Künstlern erweckt in der Donaumonarchie entweder Verdacht oder gilt als Armutszeugnis, es gelingt, wenn überhaupt, dann nur als soziales Hilfsprogramm oder aus Gründen der künstlerischen Erneuerung. Einer der frühesten Zusammenschlüsse in der Literatur ist der im Jahr 1885 ins Leben gerufene „Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen“, der noch vor der 1897 mit dem Leitspruch „Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit“ entstandenen Wiener Secession geschaffen wurde und dem u.a. Marie von Ebner-Eschenbach, Selma Lagerlöf, Ricarda Huch und Berta Zuckerkandl angehörten und dessen Hauptzweck die Errichtung eines „Pensionsfonds für alternde, arbeitsunfähige Schriftstellerinnen und Künstlerinnen“ war.

Tendenzen zur verstärkten Selbstorganisation in diesen Jahren zeigen sich ebenso bei der Entstehung eines sich unabhängig vom Buchverlagswesen und Theaterleben entfaltenden literarischen Lebens in Österreich mit der Gründung der Zeitschrift „Die Fackel“ (1899 – 1936) von Karl Kraus, der Innsbrucker Halbmonatszeitschrift „Der Brenner“ (1910 – 1954) von Ludwig von Ficker und der sich auf das Café Griensteidl und das Café Central aufteilenden Wiener Kaffeehaus-Literaturgesellschaft. „Die Fackel“ und „Der Brenner“ wurden im gesamten deutschen Sprachraum gelesen, das europäische Zentrum der im Kaffeehaus geschriebenen Literatur war Wien.