Freie Szene in Wien


Ende der 1980er Jahre hatte die Freie Szene Wiens in der Amtszeit der damaligen Kulturstadträtin Ursula Pasterk (SPÖ) eine massive Erhöhung des städtischen Förderbudgets erreicht, das in der Größenordnung in etwa dem heute bestehenden Fördervolumen entspricht. Mit der so bezeichneten Wiener Theaterreform wurde versucht, die Förderung so zu gestalten, dass bisweilen auf Kosten der Breite der Förderung verstärkt professionelle Arbeitsbedingungen für Freie Gruppen möglich sind. In den vergangenen Jahren ist die Wiener Projektförderung zu einer breiter streuenden Vergabe zurückgekehrt.

Standen in den ersten Jahren der Entwicklung der Freien Szene neben der Opposition einer jüngeren Generation von KünstlerInnen gegen die als nicht zeitgemäß empfundenen Inhalte der etablierten Großbühnen und das politische Interesse einer Erprobung anderer Lebens- und Verkehrsformen in der künstlerischen Arbeit im Vordergrund, so hat sich die Freie Szene in jüngerer Zeit mit neuen Formen und ästhetischen Positionen in der darstellenden Kunst profiliert.

In den Jahren ab 2000 hat sich insbesondere in Wien eine vielfältige und international beachtete Tanz- und Performanceszene herausgebildet. Hierzu zählen Gruppen wie Liquid Loft gegründet und geleitet von Chris Haring, ChoregrafInnen wie Philipp Gehmacher, Doris Uhlich, Saskia Hölbling, Anne Juren, Paul Wenninger, Christine Gaigg, Willi Dorner, Elio Gervasi, Ian Kaler, Amanda Piña, Alexander Gottfarb, Georg Blaschke, die PerformerInnen Akemi Takeya, Daniel Aschwanden, Barbara Kraus und die Gruppe Superamas.

Zeitgenössisches Musiktheater findet in Wien fast gänzlich in der Freien Szene statt. Wichtige Produzenten sind hier das Sirene Operntheater, die Neue Oper Wien und die Gruppe Netzzeit, die Wiener Taschenoper, Echoraum und die Wiener Musiktheatertage, ein Zusammenschluss der Gruppen Zoon und Progetto Semiserio, sowie weitere im Zusammenschluss Freie Musiktheater Wien vertretene Gruppen.

Im Bereich Figuren- und Objekttheater haben das Schubert-Theater und das Kabinetttheater mit hoher künstlerischer Qualität auf sich aufmerksam gemacht. Ebenso das Wiener Klassenzimmertheater und die Gruppe schallundrauch agency mit Theater bzw. Tanz und Performance für ein junges Publikum. Das Figurentheater Lilarum im 3. Wiener Gemeindebezirk adressiert mit seinen Aufführung Kinder ab 3 Jahren.

Das theatercombinat unter der Leitung der Regisseurin Claudia Bosse betreibt mit seinen in immer neuen stadträumlichen Kontexten situierten Arbeiten Grundlagenforschung am theatralischen Ausdruck. Der Regisseur Yosi Wanunu reflektiert in den Performances von Toxic Dreams zumeist in englischer Sprache den Erfahrungsraum einer medial geprägten Populärkultur. Die junge Performancegruppe Gods Entertainment tritt mit ihren Arbeiten in Wien, u.a. auf Kampnagel (Hamburg) und im HAU (Berlin) auf. Die Wiener Wortstaetten betreiben die Förderung junger DramatikerInnen. Salon 5 tritt regelmäßig mit Aufführungen in Wien und im niederösterreichischen Thalhof in Erscheinung.

Mit der Brunnenpassage, einem offenen KunstSozialRaum im 16. Wiener Gemeindebezirk, und den Arbeiten von Das Kunst und der diverCITYLAB Akademie der Regisseurin Aslı Kışlal beginnt die Wiener Theaterszene, sich den Anforderungen einer modernen, von Migration geprägten gegenwärtigen Großstadt zu stellen.

Eine weitere Tendenz in der gegenwärtigen Freien Szene ist der Austausch mit anderen Kunstsparten, insbesondere der bildenden Kunst und die Analyse ihrer Rezeptionsbedingungen, etwa die Ganymed-Projekte der Regisseurin Jacqueline Kornmüller im Wiener Kunsthistorischen Museum, Thomas Bernhards FROST im Museum moderner Kunst MUMOK (2009/10) oder die Performance-Reihe des Festivals ImPulsTanz zur dortigen Aktionismus-Sammlung Redefining Action(ism).